
Wie die Schafe zu mir kamen
Eine Geschichte über meinen Enkel, einen Fußballplatz und eine ganz besondere Schafherde
Manchmal nimmt das Leben ganz unerwartete Wendungen. Und manchmal beginnt eine wunderbare Geschichte ausgerechnet auf einem Fußballplatz.
Mein Enkel war damals ungefähr sieben oder acht Jahre alt und wollte unbedingt Fußball spielen. Also ging er mit seinem Opa zum Fußballplatz nach Frankfurt-Bornheim.
Doch auf der Nachbarweide standen Schafe, und die hatten es ihm besonders angetan.
Neugierig kletterte er über den Zaun und ging zu ihnen. Von diesem Tag an wollte er am liebsten jeden Tag die Schafe besuchen.
Irgendwann begleitete ich ihn und lernte dabei den Schäfer kennen. Im Gespräch erzählte er mir, dass er seine Tiere nicht mehr behalten wollte.
Da wurden bei mir alte Erinnerungen wach. Ich hatte früher selbst Schafe gehalten, und die Liebe zu diesen Tieren war nie verschwunden.
Und so kam es zu einem ziemlich ungewöhnlichen Tauschgeschäft:
Der Schäfer bekam mein E-Bike – und ich bekam sieben Schafe.
Plötzlich hatte ich wieder eine eigene kleine Herde!
Zunächst lebten meine Schafe auf Wiesen in Frankfurt-Bornheim. Später führte uns unser Weg nach Kranzberg. Dort bekamen wir durch einen glücklichen Zufall eine wunderschöne, große Wiese, auf der meine Schafe viel Platz zum Grasen und Leben hatten.
Aus den anfänglichen sieben Schafen wurden mit der Zeit sechzehn.
Drei davon wurden sogar bei mir geboren: Flicki, Schokolade und Sternchen.
Alle meine Schafe haben Namen: Esmeralda, Cappuccino, Johanna, Cäcilia, Johnny, Manfred, Ben, Marie, Flocke, Locke, Max und Moritz. Und natürlich Flicki, Schokolade und Sternchen sowie Lina, die erst später zu unserer Herde dazukam.
Was mich meine Schafe lehren
Das Zusammenleben mit meinen Schafen ist für mich immer wieder faszinierend. Je länger ich sie beobachte, desto deutlicher erkenne ich, wie eng ihre Beziehungen untereinander sind und wie unterschiedlich ihre Persönlichkeiten.
Besonders berührt mich die Verbindung zwischen den Schafmüttern und ihren Kindern.
Wenn die Lämmer bei ihren Müttern bleiben dürfen, beobachte ich, dass sie teilweise noch ein bis zwei Jahre gesäugt werden. Und auch später bleibt ihre Bindung bestehen.
Mütter und ihre inzwischen erwachsenen Kinder legen sich oft ein Leben lang zum gemeinsamen Ruhen und Schlafen nebeneinander.
Mich berührt diese Vertrautheit sehr. Sie zeigt mir, wie wichtig Nähe, Zugehörigkeit und beständige Beziehungen auch im Leben der Tiere sind.
Ebenso spannend finde ich das soziale Gefüge meiner Herde.
Jedes Schaf hat seine eigene Persönlichkeit und scheint auf seine Weise etwas zum Zusammenleben beizutragen.
Da gibt es zum Beispiel ein Schaf, das ich liebevoll mein Heiler-Schaf nenne. Ich beobachte, wie es die Nähe zu anderen Schafen sucht, wenn diese Unterstützung brauchen. Für mich fühlt es sich manchmal so an, als würde es ihnen auf energetischer Ebene etwas geben wollen.
Dann gibt es die Große, die Weise, die besonders bei der Ankunft neuer Schafe eine wichtige Rolle im Herdengefüge übernimmt.
Und Johnny und Manfred, meine Bergschafe, sorgen auf ihre Weise für Ordnung innerhalb der Gruppe.
Andere Schafe sind besonders offen und zugewandt gegenüber Menschen.
Esmeralda, Flicki, Manfred, Johnny und Max suchen gerne den Kontakt und begegnen Menschen mit großer Neugier.
Ich finde es wunderschön, diese Unterschiede wahrzunehmen und zu beobachten, wie die Tiere miteinander kommunizieren, Beziehungen gestalten und ihren Platz in der Herde finden.
Eine Herde voller Persönlichkeiten
Für mich sind meine Schafe nicht einfach nur Tiere auf einer Wiese.
Sie sind sechzehn ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, die miteinander leben, aufeinander reagieren und enge Beziehungen pflegen.
Durch sie lerne ich immer wieder neu, wie viel sich ohne Worte ausdrücken lässt.
Sie erinnern mich daran, aufmerksam zu sein, Geduld zu haben, Unterschiede zu respektieren und nicht vorschnell zu urteilen.
Diese Erfahrungen sind auch für meine Arbeit mit Menschen wertvoll. Denn ebenso wie jedes Schaf seinen eigenen Charakter hat, bringt jeder Mensch seine ganz persönliche Geschichte, seine Bedürfnisse und seine Art der Begegnung mit.
Wenn ich heute auf meiner Wiese in Kranzberg stehe und meine Schafe beobachte, muss ich manchmal schmunzeln.
Eigentlich wollte mein Enkel damals nur Fußball spielen.
Doch seine Neugier führte mich zurück zu einer alten Liebe.
Aus einem zufälligen Besuch wurden sieben Schafe, aus sieben wurden sechzehn – und aus einer kleinen Herde wurde ein wichtiger Teil meines Lebens.
Und ich bin froh, dass mein Enkel damals über diesen Zaun geklettert ist.
Wie die Pferde zu mir kamen
Eine Geschichte über Freiheit, Vertrauen und besondere Begegnungen
Pferde begleiten mich schon seit meiner Kindheit. Ich hatte früh mein erstes eigenes Pony und hielt später auch Araber, Vollblüter und Trakehner, darunter sogar Hengste.
Dann kam eine Zeit, in der mein Leben andere Wege nahm. Zwanzig Jahre lang hatte ich keine eigenen großen Tiere mehr.
Erst als die Schafe wieder in mein Leben kamen, änderte sich das.
Wir hatten inzwischen eine wunderschöne, große Wiese in Kranzberg gefunden. Mein Enkel war begeistert von den Tieren und sagte eines Tages: „Wir könnten doch auch Ponys oder Pferde halten!“
Ich dachte darüber nach und antwortete: „Platz haben wir ja jetzt genug. Warum eigentlich nicht?“
So begann meine Suche.
Die Begegnung mit den Koniks
Ich wünschte mir Pferde, die möglichst ursprünglich aufgewachsen waren, die nicht durch Reiten oder menschliche Erwartungen geprägt waren und die ihr natürliches Herdenleben kennenlernen durften.
Dabei stieß ich auf die Koniks, eine Pferderasse, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte.
Als ich erfuhr, dass Koniks in Deutschland in großen Beweidungsprojekten leben, war ich sofort fasziniert.
Pferde, die Sommer wie Winter draußen sind, in ihrer Herde leben, nicht geritten werden und weitgehend selbstbestimmt ihren Alltag gestalten dürfen – genau das wollte ich kennenlernen.
Wir fuhren zur Schmidtenhöhe bei Koblenz.
Dort zeigte uns eine wunderbare Frau die Herde. Schon bei der ersten Begegnung waren wir von diesen Pferden und ihrer besonderen Ausstrahlung begeistert.
Mein Enkel war so voller Vertrauen und Freude, dass er sogar mit den Pferden ins Wasser ging.
Es war ein unvergesslicher Tag.
Laila, Lo und Sabrina
Ein Fohlen hatte es uns besonders angetan. Irgendwie ließ es uns nicht mehr los.
Ich fragte, ob es vielleicht zu verkaufen sei.
Die Antwort war: Ja, das Fohlen könnte ich bekommen. Allerdings würde seine Mutter geschlachtet werden, weil sie nicht mehr richtig in die Herde passte. Sie war bereits älter und nahm nicht ausreichend zu.
Für mich war sofort klar: Wenn ich das Fohlen nehme, dann nehme ich auch seine Mutter.
Die Verantwortlichen waren froh, für die Stute einen guten Platz zu finden, und boten mir an, sie mir zu schenken.
So kamen Lo, das Fohlen, und ihre Mutter Laila in unsere Pläne.
Damals hatten wir noch die Vorstellung, vielleicht eines der Pferde später einzureiten. Deshalb fragte ich, ob es noch ein weiteres Pferd gäbe, das gut zu Laila passen würde.
In der Woche, bevor die Pferde zu uns kommen sollten, geschah etwas Besonderes.
Eine Stute namens Sabrina hatte sich Laila angeschlossen und wich nicht mehr von ihrer Seite.
Damit war die Entscheidung gefallen.
Sabrina sollte mitkommen.
Und so zogen schließlich drei Koniks bei uns ein: Laila, Lo und Sabrina.
Sabrina – mein Spiegel
Schon bald wurde mir klar, dass Sabrina für mich ein ganz besonderes Pferd war.
Mit ihr durfte ich unglaublich viel lernen – nicht nur über Pferde, sondern auch über mich selbst.
In unseren Begegnungen entdeckte ich immer wieder Themen, die mich persönlich beschäftigten. Sabrina hielt mir auf ihre ganz eigene Weise einen Spiegel vor.
Sie forderte mich heraus, genauer hinzuschauen, meine Reaktionen wahrzunehmen und immer wieder neu Vertrauen zu entwickeln.
Diese Erfahrungen waren für mich sehr wertvoll.
Sabrina wurde zu einem Pferd, an dem ich wachsen durfte.
Eine schwere Entscheidung
So sehr ich mich über unsere Pferde freute, so herausfordernd war auch das erste Jahr.
Besonders der Winter brachte mich an meine Grenzen. Die Versorgung der Pferde war viel anstrengender, als ich es mir vorgestellt hatte.
Schließlich musste ich eine Entscheidung treffen, die mir sehr schwerfiel.
Ich konnte nicht allen drei Pferden dauerhaft gerecht werden.
Deshalb entschieden wir uns, Lo zurück in das Beweidungsprojekt zu geben.
Das tat mir unendlich weh. Ich hatte dieses Fohlen lieb gewonnen, und es fiel mir schwer, mich von ihm zu trennen.
Aber manchmal bedeutet Verantwortung auch, die eigenen Grenzen anzuerkennen und eine schmerzhafte Entscheidung zum Wohl der Tiere zu treffen.
Etwa zwei Jahre später erfuhr ich, dass Lo vermutlich an einer Kolik gestorben war.
Diese Nachricht machte mich sehr traurig.
Bis heute empfinde ich große Dankbarkeit für dieses besondere Fohlen. In meinem Herzen ist Lo eng mit der Rettung ihrer Mutter verbunden.
Ohne unsere Begegnung mit Lo wäre Laila wahrscheinlich nicht zu uns gekommen.
Manchmal sind es gerade die Begegnungen, die nur kurz dauern, die tiefe Spuren in unserem Leben hinterlassen.
Laila – ein ganz besonderes Seelenpferd
Laila ist für mich ein außergewöhnliches Pferd.
Sie ist von Natur aus sehr zurückhaltend und sucht normalerweise nicht die Nähe von Menschen.
Ich weiß nicht, was sie in ihrem früheren Leben alles erlebt hat. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie Gründe hat, Menschen gegenüber vorsichtig zu sein.
Und doch erlebe ich mit ihr immer wieder etwas sehr Berührendes.
Manchmal kommen Menschen auf unsere Wiese, und Laila, die sonst lieber Abstand hält, geht von sich aus auf sie zu.
Sie bleibt bei ihnen stehen, sucht ihre Nähe und lässt einen stillen Kontakt entstehen.
Oft sind es gerade Menschen, die in diesem Moment Trost oder Zuwendung brauchen.
Ich empfinde diese Begegnungen als ein großes Geschenk.
Laila zeigt mir immer wieder, dass Nähe nicht erzwungen werden kann und dass Vertrauen etwas sehr Kostbares ist.
Gerade weil sie so zurückhaltend ist, berührt es mich besonders, wenn sie sich entscheidet, auf einen Menschen zuzugehen.
Für mich ist Laila ein Seelenpferd.
Was mich meine Pferde lehren
Als die Pferde zu uns kamen, hatten wir noch die Vorstellung, sie vielleicht eines Tages zu reiten.
Doch mit der Zeit wurde etwas anderes viel wichtiger.
Ich wollte sie kennenlernen, beobachten und verstehen, wie sie miteinander leben und wie sie uns Menschen begegnen, wenn wir nichts von ihnen verlangen.
Die Pferde haben mir gezeigt, wie viel in der Stille, in der Körpersprache und in der gegenseitigen Wahrnehmung geschehen kann.
Sie haben mich gelehrt, meine eigenen Erwartungen loszulassen, Grenzen zu respektieren und Beziehungen wachsen zu lassen.
Diese Erfahrungen fließen heute auch in meine Haltung zur Begleitung von Menschen ein.
Denn für mich beginnt eine gute Begegnung nicht damit, dass wir etwas erreichen wollen.
Sie beginnt damit, dass wir aufmerksam sind, dem anderen Raum lassen und bereit sind, ihn so wahrzunehmen, wie er gerade ist.
Wenn ich heute bei Laila und Sabrina auf der Wiese stehe, denke ich manchmal daran, wie alles begann.
Mein Enkel hatte sich gewünscht, dass wir wieder Pferde halten.
Aus diesem Wunsch wurde eine Reise voller Begegnungen, Freude, Herausforderungen, Abschiede und wertvoller Erfahrungen.
Und ich bin dankbar, dass diese beiden besonderen Pferde ihren Weg zu mir gefunden haben.

